Da sitzte ich am Tag nach der ProWein 2012 noch etwas lethargisch am Schreibtisch und sehe plötzlich auf Facebook ein Bild, welches mich anspringt:

Der Sommer war sehr großWOW.
Das ist doch mal eine Aussage nach so einem Sommer. Erst beim zweiten hinsehen fiel mir dann auf, dass es kein Plakat, sondern ein Weinetikett ist. Und zwar ein Etikett mit einer Geschichte, wie mich Angelina Lenz dann bei einem spontanen Chat aufklärte.

Ebenso spontan schickte mir Angelina dann eine Flasche des Weines mit dem dazugehörigen Flyer. “Der Flyer ist wohl eine Art Buch. Zwar nicht so viel Text, dennoch erzählt er viel über uns” schreibt sie dazu. Und sie hat recht.

Der Flyer beginnt mit dem Satz “Der Wein, den man gelesen haben muss“. Doch es sind nur wenige Worte, die aber viel ausdrücken. Ich habe es selten erlebt, dass mit so wenigen Worten, so viel ausgedrückt wird. Da sollte sich die Politik mal eine große Scheibe von Abschneiden, aber das nur ganz am Rande …
Der Flyer ist zudem noch graphisch sehr feinsinnig umgesetzt worden:

Schwere Stiefel

Schiefer fressen Schuhe auf

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Gute Idee - Schlechte Idee

Mit ihrem Riesling-Debut [und dem Flyer] gehen Angelina Lenz & Kilian Franzen auf eine Zeitreise durch ihr ganz persönliches Weinjahr. Es ist eine ungewöhnliche Perspektive, die die beiden den Weinliebhabern eröffnen, gesehen durch die Augen zweier junger Menschen, die sich von einem auf den anderen Tag kopfüber in das Abenteuer ihres Lebens stürzten.

Und wenn man den Flyer ganz auseinander faltet, sieht man das Etikett nochmal in voller Pracht. Das Etikett als Plakat :-)

Das Ganze ist aber kein Marketinggag. Das ist das Leben! Mit all seinen Facetten, die man so manches Mal gar nicht verstehen kann.
Zum Hintergrund: Ulrich Franzen, der Vater von Kilian, setzte sich über Jahre vehement für den Erhalt des Bremmer Calmont, mit 56 Prozent Steigung dem steilsten Weinberg Europas (wenn nicht gar der Welt), ein. Erfolgreich. Nicht nur, dass heute wieder elf Hektar im Calmont bestockt sind, sondern auch seine Weine lassen aufhorchen. “Den Weinberg riechen, schmecken, spüren” sind seine Worte. Im Juni 2010 verunglückte Ulrich Franzen bei Weinbergsarbeiten tödlich.
Gemeinschaftlich stemmt man nun die Verantwortung. Ein Team, welches sich gefunden hat: Sohn Kilian Franzen nebst Freundin Angelina Lenz, Mutter Iris Franzen und Angelinas Bruder Benny Lenz. Und ganz nebenher wird noch studiert. Angelina “Internationale Weinwirtschaft” und Kilian “Weinbau und Oenologie” in Geisenheim – zumindestens ein bis zwei Tage pro Woche.

Hinter dem Titel steckt Rainer Maria Rilkes Gedicht  Herbsttag  von 1902:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Das Gedicht passt auch 110 Jahre später noch.
Es wurde im Buch der Bilder – Des ersten Buches zweiter Teil – veröffentlicht.
(Danke für den Hinweis Almut!)

 

Nun aber auch zu dem Wein an sich.

2011 “Der Sommer war sehr groß” Riesling, Weingut Reinhold Franzen, Mosel

Der Sommer war sehr großVor wenigen Tagen habe ich den 2011 Bremmer Calmont vom Weingut Franzen verkostet und war begeistert vom grandiosen “Pingpong”, wie ich es auf Facebook ausgedrückt habe. Dem Wechselspiel von Pfirsich und Schiefer, der Wärme des Calmont und der Würze des Schiefers.

Was sich nun im Glas präsentiert hat Ähnlichkeiten, aber auch ganz eigene Elemente. Die Pfirsichfrucht ist wieder mit der Schieferwürze gepaart. Hier jedoch feiner, als könnte man die weibliche Handschrift von Angelina erahnen. Hinzu kommt noch Hefewürze und leicht kräutrige Noten. Aber immer wieder kommt der Pfirsich zum Vorschein, von grünem Apfel begleitet.

Am Gaumen saftig, würzig, fruchtig. Ein paar Zitrusnoten gesellen sich sich zu Pfirsich und Apfel. Die Mineralik ist (derzeit) eher im Hintergrund, aber präsent. Wichtig - UnwichtigMir gefällt gut, dass der Wein nicht furztrocken knochentrocken ist. Zu der herben Art des Weines an sich, passt die dezente Fruchtsüße sehr gut. Für mich. Es gibt dem Wein eine Harmonie, die ich in dem 2011er Sommer meist vermisst habe. Zugleich wird ein feiner Spannungsbogen gezogen.

Ein Wechselspiel der Aromen. Man könnte geneigt sein zu sagen, dass das Wechselspiel der Emotionen des Weinjahres 2011 von Angelina und Kilian in diesem Wein wirklich “schmeckbar” werden. Und in sofern trifft der Schlusssatz des Flyers ins Schwarze:

Was dabei herausgekommen ist, ist mehr als erstaunlich.

Ich persönlich ziehe meinen Hut vor Euch beiden, Angelina & Kilian! Das, was Ihr hier geleistet habt beeindruckt mich zutiefst. Nach dem, was ich bisher von Euch verkostet habe, bin ich mir sicher noch vieles – vor allem Gutes – von Euch zu hören. Weinbau unter teilweise schwersten Bedingungen mit Herzblut, Engagement und viel Gefühl! Weiter so!

Kontakt:
Weingut Reinhold Franzen
Gartenstr. 14
56814 Bremm
www.weingut-franzen.de
Facebook Fanpage
Publiziert am von Peer F. Holm

Eine Antwort auf Der Sommer war sehr groß

  1. Zweifel Jürg und Edith sagt:

    Wir haben heute im TV arte Euer überaus sympathisches Bild und Euren Weinberg mit seinem berührenden Schicksalsschlag gesehen.
    Wenn wir es dieses Jahr an die Mosel schaffen, kommen wir sicher zu einer Weinprobe.

    Liebe Grüsse und… machts gut!

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